Von der Gedenkstätte zum Trakl-Forum

Von der Gedenkstätte zum Trakl-Forum Als die Trakl-Gedenkstätte im Geburtshaus des Dichters 1973 eröffnet wurde, waren bereits mehrere Maßnahmen gesetzt worden, die auf die Bedeutung des in Salzburg geborenen Dichters hinweisen sollten. Dazu gehörten die Betreuung des Werkes durch den Verlag Otto Müller seit 1938 und die Begründung des Georg-Trakl-Preises für Lyrik seitens der Salzburger Landesregierung im Jahr 1952. Zum 70. Geburtstag wurde 1957 im Hof des damaligen Finanzamtes in der Kapitelgasse eine Trakl-Brunnen aus der Werkstatt von Toni Schneider-Manzell errichtet, 1962 stiftete die Raimund-Gesellschaft eine Gedenktafel, die am ehemaligen Wohnhaus der Familie Trakl zum Residenzplatz hin angebracht wurde. Man dachte daran, in diesem Haus eine Gedenkstätte einzurichten, womit Frau Maria Geipel-Trakl, die älteste Schwester des Dichters, einverstanden gewesen wäre; sie lebte bis 1970 in einer Wohnung im zweiten Stockwerk. Ein Sanierungsbescheid an den Hausbesitzer vereitelte jedoch diesen Plan; das Haus wurde geräumt, und Frau Geipel-Trakl musste mit 87 Jahren in eine Neubauwohnung übersiedeln.

Als das Land Salzburg im Geburtshaus Georg Trakls am Rudolfskai Keller und zwei Stockwerke mietete, um darin kulturelle Institutionen unterzubringen, die aus der Residenz weichen mussten, bestand die Möglichkeit, die Idee einer Trakl-Gedenkstätte Wirklichkeit werden zu lassen. Ein größerer und zwei kleinere Räume der Wohnung, in der die Familie Trakl zwischen 1885 und 1893 gelebt hatte und in der Georg Trakl am 3. Februar 1887 zur Welt gekommen ist, waren dafür vorgesehen. Das Haus wurde gründlich renoviert, und im Herbst 1972 bezogen verschiedene kulturelle Einrichtungen die neu gestalteten Räume, darunter auch die Salzburger Kulturvereinigung, die vom Land Salzburg mit der Einrichtung und Betreuung der geplanten Gedenkstätte an den Dichter betraut wurde.

Den Grundstock der Ausstattung bildeten eine Trakl-Sammlung, die der Leiter der Raimund-Gesellschaft, Hofrat Dr. Gustav Pichler, angelegt und der Kulturvereinigung verkauft hatte, und Teile des Familienerbes, das noch im Besitz von Frau Maria Geipel-Trakl war. Sie vermachte es kurz vor ihrem Tod im Herbst 1973 der Salzburger Kulturvereinigung; wegen Platzmangels musste jedoch der Großteil vorerst in einem Depot des Museums bleiben.

Am 10. April 1973 wurde die Gedenkstätte im Rahmen eines Festaktes von Landeshauptmann DDr. Hans Lechner offiziell  die Obhut der Salzburger Kulturvereinigung übergeben. Frau Maria Geipel-Trakl war als Ehrengast bei diesem Ereignis anwesend. Für die Betreuung war bereits der Verfasser dieser Zeilen, der damals eben das Studium der Germanistik abgeschlossen hatte, als Kustos mit Teilzeitbeschäftigung angestellt. Die wichtigste Aufgabe war und ist es, der an Person und Werk Trakls interessierten Öffentlichkeit Information über den Dichter anzubieten. Dafür wurden Führungen eingerichtet, bei denen an Hand der Ausstellungsstücke (Gedichte, Entwürfe, Fotos, Urkunden, Gebrauchsgegenstände usw.) ein Einblick in Entstehung und Eigenart des dichterischen Werkes vermittelt werden konnte. Diesem Zweck dient auch eine seit 1987 zur Verfügung stehende Tonbildschau, die 2008 neu gestaltet worden ist.

Die Bemühungen, den Bestand an Dokumenten zu erweitern, waren nicht ohne Erfolg. So konnte 1978 der größte Teil der Briefe Georg Trakls an seinen Jugendfreund Erhard Buschbeck aus dem Besitz von Frau Prof. Lotte Tobisch in Wien erworben werden, später auch die Trakl-Handschriften der Salzburger Familie Glaser. Einzelne Dokumente konnten über Auktionshäuser oder aus Privatbesitz angekauft werden. Ohne den finanziellen Einsatz der Salzburger Kulturvereinigung wäre das nicht möglich gewesen (insbesondere deren Generalsekretär, Dr. Heinz Klier, hatte dafür Verständnis). Auf Grund der stark gestiegenen Preise von Trakl-Manuskripten stößt deren Anschaffung allerdings immer mehr an finanzielle Grenzen. Leider war es bis heute nicht möglich, andere in Salzburg liegende Trakl-Dokumente, insbesondere die des Salzburg Museums, mit den Beständen der Gedenkstätte zusammenführen. Erfreulicherweise hat 2008 Frau Prof. Lotte Tobisch die restlichen Trakl-Dokumente aus dem Buschbeck-Nachlass der Gedenkstätte in großzügiger Weise als Geschenk vermacht.

Im Archiv, das im Laufe der Zeit aufgebaut wurde, sind heute verschiedenste Trakl-Ausgaben, die Zeitschrift „Der Brenner“ (geschlossen) und die umfangreiche Sekundärliteratur zu Person und Werk Georg Trakls zu finden. Dazu kommen Übersetzungen (Gesamtwerk oder Gedichtauswahl) in über 30 Sprachen, Illustrationen verschiedener Grafiker zu Trakl-Texten und Literatur im Umfeld von Georg Trakl. Es gibt Vorführmöglichkeiten für Vertonungen Trakl’scher Texte und für Filme bzw. Videoaufzeichnungen von Theaterstücken zu Georg Trakl. Als 1987 die Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke Trakls neu aufgelegt wurde, konnte seitens der Gedenkstätte auf Grund des angesammelten Archivmaterials einiges zur Verbesserung und Erweiterung beigetragen werden. Für die Faksimile-Ausgabe des Brenner-Archives („Innsbrucker Ausgabe“) wurde das dafür relevante Material zur Verfügung gestellt. Der letzte von sechs Bänden erschien 2014. Das Archiv steht allen zur Verfügung, die sich über den Dichter ausführlicher informieren wollen. Es arbeiteten hier bisher vor allem Studenten aus dem In- und Ausland und mehrere Übersetzer. Der Schriftsteller Franz Fühmann hat sich ebenfalls „vor Ort“ über Trakl informiert, als er an seinem Aufsehen erregenden Buch „Der Sturz des Engels“ schrieb. Immer wieder waren unter den Besuchern der Gedenkstätte auch Dichter und Schriftsteller, die das starke Interesse an Trakl in dieses Haus führte. Von verschiedenen Institutionen wurden Stellungnahmen zu Publikationen über den Dichter, zu Filmen oder auch Theaterstücken erbeten. Kulturinstitute und Bildungseinrichtungen im Ausland waren dankbar, wenn sie für Trakl-Veranstaltungen mit Ideen und Material unterstützt wurden; so konnte Veranstaltern in London, Rom, Gent, Mailand, Straßburg, Lwiw (Lemberg), Krakau, Athen und Paris geholfen werden. Für die Anbringung von Gedichttafeln in Salzburg wurden Vorschläge gemacht; neun davon sind derzeit im Stadtgebiet zu finden, eine in Anif. Finanziert wurden sie vom Magistrat bzw. der Gemeinde Anif. Eine Broschüre mit den ‚Salzburg‘-Gedichten Georg Trakls auf Deutsch und Englisch bietet dazu einen Überblick samt Kurzkommentar. Ein Faltprospekt „Wege mit Georg Trakl“ ist ein Wegweiser für Trakl-Orte in der Stadt. Die jährliche „literRADtour“ des Literaturhauses wird als Führung zu solchen Orten gerne wahrgenommen.

Als 1977 das Erste Salzburger Trakl-Symposion (zusammen mit dem Französischen Kulturinstitut) wissenschaftlich bemerkenswerte Ergebnisse brachte, wurde klar, dass damit der Rahmen einer einfachen Dichter-Gedenkstätte gesprengt war. Der wissenschaftliche Blick auf Leben und Werk war in den jährlichen Veranstaltungen zum Geburts- und Todestag zwar meist vertreten, ein Fundament für die Erweiterung der Gedenk- zur Forschungsstätte wurde aber mit der Gründung des Internationalen Trakl-Forums im Jahr 1987 zum hundertsten Geburtstag des Dichters gelegt. Ein Beirat mit Vertretern und Vertreterinnen aus verschiedenen Institutionen begleitet seither das Veranstaltungsprogramm der Forschungs- und Gedenkstätte. Die bisherigen Vorsitzenden waren Univ.Prof. Dr. Adrien Finck aus Strasbourg (1987 – 1993), Univ.Prof. Dr. Alfred Doppler aus Innsbruck (1994 – 2015) und Univ.Prof. Dr. Johann Holzner (seit 2016). Die Verbindung zum Ausland stellen die korrespondierenden Mitglieder her; sie kamen bisher aus der Schweiz, Ungarn, Belgien, England, Polen, Deutschland, USA, Kanada und Japan. An der japanischen Nihon-Universität sorgt eine Trakl-Gesellschaft für die Verbreitung des Werkes im dortigen Sprachraum. Das Trakl-Forum wirkt dabei unterstützend mit.

Seit der Gründung des Forums haben sechs weitere Tagungen stattgefunden (1988, 1991, 1995, 2000, 2003, 2014), deren Ergebnisse meist auch als Bände der „Trakl-Studien“ erschienen sind. Die Herausgeber dieser Studien sind Mitglieder des Internationalen Trakl-Forums. Die Beschäftigung des Verfassers dieser Zeilen mit Trakls Leben ergab eine umfangreiche Trakl-Biographie mit Texten und Bilddokumenten; sie erschien erstmals 1994 und wurde 2014 in überarbeiteter Form neu herausgegeben. Ein weiterer Band von ihm befasst sich mit der Geschichte des Georg-Trakl-Preises für Lyrik. Mit diesen Aktivitäten dürfte wohl die zusätzliche Bezeichnung als „Forschungsstätte“ ihre Berechtigung haben.

Seit 1987 verfügt die Forschungs- und Gedenkstätte auch über weitere Räume, die von der Salzburger Kulturvereinigung mit großem finanziellem Einsatz adaptiert worden sind. Insbesondere für Gruppen und Schulklassen war es bis dahin schwierig, den Informationen in angemessener Weise zu folgen. Seither gibt eine Tonbildschau einen Einblick in Leben und Werk des Dichters. Dieser größere Raum wird auch für Vorträge und Lesungen genützt. Die aus dem Besitz der Familie Trakl noch vorhandenen Einrichtungsgegenstände konnten jetzt im „historischen Raum“ untergebracht werden, so dass den Besuchern ein gewisser Eindruck von der Atmosphäre vermittelt werden kann, in der der Dichter seine Kindheit und Jugendzeit verbracht hat. Ein Büchertisch informiert über aktuelle Trakl-Ausgaben und die neuesten Publikationen zu Leben und Werk. Die Besucher haben auch die Möglichkeit zum Erwerb von Vortragstexten, Gedicht- und Ansichtskarten, und mehreren CDs, auf denen 15 verschiedene Interpreten Gedichte und Briefe von Georg Trakl zu Gehör bringen. Besonders beliebt ist eine Faksimile-Ausgabe von Trakls erstem Gedichtband.

Wenn auch die meisten Gäste die Abgeschiedenheit des Ortes schätzen, weil sie in der sonst von turbulenter Betriebsamkeit geprägten Altstadt Nachdenken und Besinnung zulässt, so wäre es doch wünschenswert, wenn noch mehr Menschen, insbesondere aus der näheren Umgebung, von diesem Angebot Gebrauch machen würden, denn dieser Ort braucht den Vergleich mit anderen bekannten Dichter-Gedenkstätten nicht zu scheuen.

Dr. Hans Weichselbaum

Broschüre „45 Jahre Georg-Trakl-Forschungs- und Gedenkstätte“

Im April 1973 konnte im vom Land Salzburg erworbenen Geburtshaus Georg Trakls am Rudolfskai (jetzt „Trakl-Haus“) eine Gedenkstätte an den international bekanntesten Dichter aus Salzburg eingerichtet werden, deren Betreuung der Salzburger Kulturvereinigung anvertraut wurde. Bei der Eröffnung war noch die 90-jährige älteste Schwester Trakls, Frau Maria Geipel-Trakl, anwesend. Seither konnten sich interessierte Besucher im Rahmen von Führungen über Leben und Werk des Dichters informieren. Darüber hinaus gab es eine Reihe von Veranstaltungen, die verschiedene Aspekte seines Lebens und Werkes und dessen Wirkung zum Inhalt hatten: Vorträge, Lesungen, Tagungen mit internationaler Besetzung, Aufführungen, Trakl-Preisträger usw. Über alle diese Aktivitäten in den vergangenen 45 Jahren informiert eine neue Broschüre, die mit vielen Abbildungen lebendig gestaltet ist.

Text: Dr. Hans Weichselbaum
Layout: Laura Wolfesberger